Persönlichkeit und Wirken

 

Ein vollkommener Mensch würde unerträglich sein.
Justus Möser 1774

Justus Möser (1720-1794) stammte aus einer angesehenen Osnabrücker Familie. Er erhielt eine umfassende Bildung, legte von früh an literarische Ambitionen an den Tag, studierte in Jena und Göttingen Jurisprudenz und erlangte – ohne formellen Abschluss – dank guter väterlicher Verbindungen seine ersten Ämter.

Zu Mösers Reputation und Wohlstand trug nicht unwesentlich seine Heirat mit Regina Juliana Elisabeth Brouning im Jahr 1746 bei. Möser konnte nicht nur ein großes Haus führen, sondern auch Kredite vergeben – nicht wenige Familien des Osnabrücker Adels waren bei ihm verschuldet.

 

... meine Tochter empfiehlt sich Ihnen gehorsamst ...
Justus Möser 1790

1749 wurde Mösers Tochter Johanna Wilhelmina Juliana (genannt Jenny) geboren, 1753 folgte der Sohn Johann Ernst Justus, der zu Beginn seines Göttinger Studiums bereits mit knapp 20 Jahren an den Masern starb. Wie in reicheren Haushalten üblich, wurden auch im Hause Möser phasenweise Pflegekinder aufgenommen oder die Kinder von Verwandten mit erzogen.

Die beiden Möser-Kinder wurden – gemäß damaligen Geschlechterrollen – sehr gut und gründlich erzogen: Während der Sohn am Ratsgymnasium in Osnabrück eine humanistische Ausbildung genoss, lernte Jenny Sprachen, Musik und Haushaltsführung. Dank ihrer literarischen Bildung wurde sie zu einer geistreichen Gesprächspartnerin ihres Vaters. Wie er selbst verkehrte sie mit Publizisten, Gelehrten, Dichtern und Schriftstellern. Sowohl im Möserhaus in Osnabrück als auch im Meller Haus der verheirateten Jenny von Voigts gingen Gäste ein und aus und waren stets willkommen. Ein wichtiger Ort des geistigen und gesellschaftlichen Austauschs war Pyrmont, wohin die Tochter den Vater in der Regel bei seinen häufigen Kuraufenthalten begleitete. Ein ausgedehnter Briefwechsel ersetzte Gespräche über größere räumliche Entfernung hinweg.

 

... indem ich Herrn und Ständen zugleich diene ...
Justus Möser 1792

Die steile Karriere Mösers erfolgte vor dem Hintergrund der Verfassung des Hochstifts Osnabrück, die seit 1650 einen regelmäßigen Wechsel in der Besetzung des Bischofsstuhls zwischen Katholiken und Protestanten vorsah – letztere aus dem Haus Hannover. Während der Minderjährigkeitsregierung des englischen Königs Georg III. erhielt Möser umfassende Befugnisse und wurde unter dem neuen Fürstbischof Friedrich von York zur entscheidenden politischen Persönlichkeit.

Als Diener vieler Herren (Ritterschaft einerseits, Landesherrschaft andererseits, ferner Advokat), die mitunter gegenteilige Positionen vertraten, blieb Justus Möser stets um Ausgleich bemüht. Zugute kam ihm hierbei – wie auch in vielerlei gesellschaftlichen Zusammenhängen – sein Kommunikationstalent.

Anders als manche Zeitgenossen befürwortete Möser offiziell die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht, da er Konflikte mit dem Osnabrücker Adel fürchtete. Ebenso wenig konnte er sich für die Französische Revolution erwärmen und gab friedlich ausgehandelten Reformen den Vorzug. Auch diese Positionen gehören, ebenso wie seine stillschweigende Duldung der Folter, zu Justus Möser.

 

das Vollkommenste Deutsche Nationalblatt
Johann Gottfried Herder 1772

Von 1766 bis 1782 gab der gut vernetzte Justus Möser das Osnabrücker Intelligenzblatt (Vorläufer der heutigen Zeitung) heraus. Zugleich war er Autor eines Großteils der in den zugehörigen Beilagen erscheinenden Artikel.

Die Bandbreite der Themen reicht von Luxus und Mode über Fragen des Straßenbaus oder der Konfessionen bis hin zu Bienenzucht, Leinenhandel, Rechtsverhältnissen, Kaffeesucht, Roggen und Wanderarbeit. Bei der Bearbeitung dieser Themen schlüpfte Möser in unterschiedlichste Rollen, so etwa Hofdame oder Handwerker, Pastor, Landwirt oder eitle junge Frau. Mösers Texte sind Diskussionsangebote und formulieren Vorschläge zur Hebung der Wirtschaft und des Handwerks ebenso wie zu Toleranz und Moral.

 

Ich schreibe nur so am Spieltische ...
Justus Möser 1776

Unter dem Titel Patriotische Phantasien erschien 1774 bis 1786 eine Auswahl dieser Intelligenzblatt-Beiträge in einer vierbändigen Ausgabe. Zur Herausgeberin bestimmte Justus Möser seine Tochter Jenny von Voigts. Die Patriotischen Phantasien beeindruckten keinen Geringeren als Johann Wolfgang Goethe, der dem „herrlichen Möser" vertrauensvoll den Entwurf seiner Iphigenie zukommen ließ – verbunden mit dem Wunsch nach dessen kritischem Urteil.

Doch damit erschöpfte sich Mösers Autorschaft nicht. So verfasste er das Trauerspiel Arminius und eine vielbeachtete (unvollendete) Osnabrückische Geschichte, in deren Einleitung er neue Wege der Geschichtsschreibung beschrieb. Zudem mischte sich Möser in aktuelle Debatten zu Literatur und Theater ein. So verteidigte er die Figur des Harlekin, des gewitzten, kein Blatt vor den Mund nehmenden Spaßmachers, um ihn für die Bühne zu retten, von der er gerade von Theaterneuerern verbannt werden sollte. Einem Plädoyer Friedrichs II. von Preußen für die französische Literatur stellte Möser ferner seine positive Sicht auf die deutsche Literatur entgegen.

 

Der herrliche Möser ...
J. W. Goethe 1814

 Von Johann Wolfgang Goethe verehrt, von Johann Gottfried Herder geschätzt, von Karl Marx verachtet, von Friedrich List bewundert, mit Benjamin Franklin verglichen – die Sichtweisen auf Justus Möser spiegeln letztlich die große Vielseitigkeit Mösers. Als Jurist und Staatsmann hat er u. a. im Bereich der Agrar- und Wirtschaftspolitik wichtige Reformen mit angestoßen. Als Publizist ermunterte er die Leserschaft zur eigenen Reflexion. Stets blieb Möser dem Gedanken der Aufklärung treu, durch Diskussionsangebote und praxisnahe Anregungen zur Verbesserung des öffentlichen Wohls und der wirtschaftlichen Lage beizutragen.

Er gehört zu den wichtigsten Gestalten der deutschen Aufklärung. Sein Ausgangspunkt des eigenen Lebens- und Wirkungsumfelds bot ihm dabei stets vielfältige Anregungen. Es lohnt sich daher, mit dem Blick Justus Mösers auch das Osnabrücker Land neu oder wieder zu entdecken.

 

Zeittafel

1720 

14. Dezember | Geburt Justus Mösers als Sohn von Dr. jur. Johann Zacharias Möser (1690-1768) und dessen Frau Regina Gertrud, geb. Elverfeld (1695-1758) in Osnabrück | es folgen sieben weitere Geschwister, die Justus Möser allesamt überlebt.

1732-1740

Besuch des Ratsgymnasiums in Osnabrück.

1740

Studienbeginn in Jena | Studium der Rechte.

1741 

Wahl zum Sekretär der Osnabrücker Ritterschaft.

1742 

Studienbeginn in Göttingen | Studium der Rechte.

1743 

Mitglied der Deutschen Gesellschaft in Göttingen | erster wissenschaftlicher Aufsatz (zu Cicero) | Beendigung des Studiums in Göttingen (ohne Abschluss) | Rückkehr nach Osnabrück.

1744 

Amtsantritt als Sekretär der Osnabrücker Ritterschaft | Zulassung als Advokat.

1746 

Mösers Moralische Wochenschrift Ein Wochenblatt erscheint erstmals in Hannover | erste Pyrmont-Reise (von insgesamt 17) | Ablehnung einer Stelle als Geheimer Sekretär in Braunschweig | 25. Oktober: Heirat mit Regina Juliana Elisabeth Brouning (1716-1787).

1747 

Mitarbeit an der Moralischen Wochenschrift Die (Deutsche) Zuschauerin (Hannover) | Ernennung zum Advocatus Patriae.

1748 

Ode auf den Westfälischen Frieden zum 100 Jahrestag | Arminius. Ein Trauerspiel.

1749 

Geburt der Tochter Johanna Wilhelmina Juliana, genannt „Jenny" (1749-1814). 

1750 

Sendschreiben an Voltaire über den Charakter Martin Luthers.

1751 

Ablehnung einer landesherrlichen Stelle in Celle.

1753 

Geburt des Sohnes Johann Ernst Justus (1753-1773).

1756 

Wahl zum Syndikus der Osnabrücker Ritterschaft | Der Wehrt wohlgewogener Neigungen und Leidenschaften erscheint in Hannover.

1756-1763 

Siebenjähriger Krieg | Möser verhandelt mit den kriegsführenden Parteien über Forderungen an das Fürstbistum Osnabrück.

1760 

Tod König Georgs II. von Großbritannien (1683-1760).

1761 

Harlekin, oder Vertheidigung des Groteske-Komischen | Tod des Osnabrücker Fürstbischofs Clemens August, laut Osnabrücker Verfassung muss ein protestantischer Fürstbischof aus dem Haus Hannover folgen | Möser verhandelt zwischen Kurfürstentum Hannover, britischer Regierung und Osnabrücker Domkapitel.

1762 

Vereidigung als Kriminaljustizrat | Kontakt zu Berliner Aufklärern um Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Nicolai | König Georg III. übernimmt die Administration des Fürstbistums Osnabrücks | Sendschreiben an Jean Jacques Rousseau (1765 gedruckt).

1763 

Friedensschlüsse zur Beendigung des Siebenjährigen Krieges | Möser verhandelt als Regierungsvertreter über kriegsbedingte Geldforderungen | Geburt des Sohnes Georgs III. Friedrichs von York (1763-1827), der zum Bischof von Osnabrück gewählt werden soll | Denkschriften Mösers zur politischen Lage im Hochstift Osnabrück | Entsendung nach London | Gutachten über die Einrichtung der Osnabrücker Regierung während der bischöflichen Minderjährigkeit.

1764 

Ablehnung des Angebots, in königlich-britische Dienste zu treten | Gutachten und Denkschriften Mösers zur Vormundschaftsregierung Georgs III. für Friedrich von York | Wahl Friedrichs von York zum Fürstbischof von Osnabrück | Vereidigung Mösers als Regierungskonsulent.

1765 

Beginn des Abdrucks der Osnabrückischen Geschichte.

1766 

Erste Ausgabe der Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen mit zugehörigen Nützlichen Beylagen, in denen Möser in der Folge mehrere hundert Artikel publiziert, die 1774-1786 in Auswahl in den Patriotischen Phantasien erneut abgedruckt werden | Zusammentreffen mit Gotthold Ephraim Lessing in Pyrmont.

1768 

Mösers Osnabrückische Geschichte. Allgemeine Einleitung erscheint | Bestallung als Regierungsreferendar | Hochzeit der Tochter Jenny mit Justus Gerlach Johann von Voigts.

1773 

Mösers „Vorrede" zur Osnabrückischen Geschichte. Allgemeine Einleitung (1768) erscheint in Johann Gottfried Herders Programmschrift Von Deutscher Art und Kunst | Tod des Sohnes in Göttingen.

1774 

Die ersten beiden Teile der Patriotische Phantasien, herausgegeben von Jenny von Voigts, erscheinen | Johann Wolfgang Goethe schreibt an sie und dankt für die Übersendung.

1776

Mitglied der „Akademie nützlicher Wissenschaften" zu Erfurt.

1778 

Der dritte Teil der Patriotischen Phantasien erscheint.

1780 

Neue vermehrte Ausgabe der Osnabrückischen Geschichte in zwei Bänden | Möser bittet um Entbindung von der Redaktion der Osnabrückischen Intelligenz-Blätter.

1781 

Die Gegenschrift an Friedrich II. von Preußen Ueber die deutsche Sprache und Litteratur erscheint.

1782 

Heinrich August Vezin (1745–1816) übernimmt die Redaktion der Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen | Goethe schickt Mösers Tochter Jenny von Voigts die dritte Fassung der „Iphigenie" mit der Bitte um Beurteilung durch sie und ihren Vater.

1783 

Ernennung zum Geheimen Referendar und Geheimen Justizrat | Regierungsantritt Friedrichs von York als Fürstbischof von Osnabrück.

1785 

fürstliche Ermächtigung Mösers über weitgehende Befugnisse in den Regierungsgeschäften einschließlich Zeichnungsberechtigung im Namen des Fürstbischofs.

1786 

Mösers Patriotische Phantasien [...] Vierter Theil hrsg. von Jenny von Voigts erscheinen.

1787 

Tod von Mösers Frau Regina Juliana Elisabeth (1716-1787) | die ersten Briefe aus Virginien ‚Über die Allgemeine Toleranz' erscheinen.

1790 

Aufsätze zur Französischen Revolution.

1792 

Feierlichkeiten zu Mösers 50jährigem Amtsjubiläum in Osnabrück.

1794 

8. Januar: Tod Justus Mösers in Osnabrück.

 

Zum Weiterlesen

Decker, Jan: Mösers Rückkehr. Kurzer Roman eines langen Lebens. Meinders & Elstermann Verlag 2020. 

 

Heese, Thorsten/Siemsen, Martin: Justus Möser 1720–1794. Aufklärer, Staatsmann, Literat.
Die Sammlung Justus Möser im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück.
Bramsche 2013 (Osnabrücker Kulturdenkmäler 14; Möser-Studien 1).

 

Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2020, herausgegeben vom Heimatbund Osnabrücker Land e. V. und vom Kreisheimatbund Bersenbrück e. V. Bramsche 2020.

 

Möser, Justus: Briefwechsel. Neu bearbeitet von William F. Sheldon. Hannover 1992 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 21).

 

„Patriotische Phantasien". Justus Möser 1720–1794. Aufklärer in der Ständegesellschaft.
Ausstellung anläßlich des 200. Todesjahrs Justus Mösers. Bramsche 1994 (Kulturregion
Osnabrück 6; Schriften der Universitätsbibliothek Osnabrück, Sonderband 1).

 

Sheldon, William/Sheldon, Ulrike (Hg.): Im Geist der Empfindsamkeit. Freundschaftsbriefe
der Mösertochter Jenny von Voigts an die Fürstin Luise von Anhalt-Dessau
1780–1808. Osnabrück 1971 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 17).

 

Sheldon, Ulrike: Einmalallezeit. Das Leben der Johanna Friederike von Bar nach Quellen erzählt. Köln 2017.

 

Siemsen, Martin/Vogtherr, Thomas (Hg.): Justus Möser im Kontext. Beiträge aus zwei
Jahrzehnten. Osnabrück 2015 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 55;
Möser-Studien 2).

 

Siemsen, Martin (Hg.): Justus Möser Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Martin Siemsen. Bielefeld 2017.

 

Welker, Karl H. L.: Rechtsgeschichte als Rechtspolitik. Justus Möser als Jurist und Staatsmann. 2 Bde. Osnabrück 1996 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen 38).

 

Winzer, Ulrich/ Tauss, Susanne (Hg.): „Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunct ..." Neue Blicke auf Justus Möser (1720–1794). Beiträge der wissenschaftlichen Tagung vom 14. bis 16. März 2019. Münster 2020 (Kulturregion Osnabrück 33).

 

Stand: April 2020. Alle Angaben ohne Gewähr.


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